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Projektarbeit - Kombination von
Bildungsbereichen und ganzheitliche Kompetenzentwicklung
Dr. Martin R. Textor

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte sind Kinder zunehmend aus der Erwachsenenwelt ausgegliedert worden und können – zumindest im Kleinkindalter – nur selten ihre natürliche und soziokulturelle Umwelt selbständig erkunden. Dies hat dazu geführt, dass sie immer weniger Natur- oder andere Primärerfahrungen machen, dass sie die sie umgebende Wirklichkeit immer häufiger als undurchschaubar erleben und dass sie immer weniger selbstbestimmt handeln oder ihre Kräfte erproben können. Hinzu kommt der große Medienkonsum, der zur "Entsinnlichung" beiträgt sowie soziale Kontakte und die Ausbildung kommunikativer Fertigkeiten behindert.

Auf diese Charakteristika heutiger Kindheit reagiert die Projektarbeit mit Prinzipien und pädagogischen Zielen wie Erfahrungslernen, Selbsttätigkeit, Lebensnähe und der Öffnung von Kindertageseinrichtungen zu ihrem Umfeld hin (Textor 2005). In einem längerfristigen Projekt können in der Regel alle im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan (Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen/Staatsinstitut für Frühpädagogik 2003) aufgelisteten Basiskompetenzen gefördert werden. Auch können die dort genannten Bildungsbereiche miteinander kombiniert werden, sodass sie in einem Projekt nicht so isoliert wie bei "klassischen" Beschäftigungen – z.B. "10.00-11.00 Uhr Malen" oder "13.00-13.30 Uhr Bilderbuchbetrachtung" – abgehandelt werden.

Prinzipien der Projektarbeit

Projekte zeichnen sich durch folgende Prinzipien aus:

Nebeneffekte von Projekten sind die Intensivierung der Elternarbeit, mehr Achtung und Respekt gegenüber Erzieher/innen sowie ein positiveres Bild von der Kita-Arbeit in der Öffentlichkeit.

Ganzheitliche Kompetenzförderung

Durch die verschiedenen Methoden, die im Rahmen von Projekten eingesetzt werden, erfolgt eine ganzheitliche Förderung der Kinder – ihrer kognitiven, sozialen, kreativen, motorischen und Persönlichkeitsentwicklung. Die auf der IFP-Homepage (http://www.ifp.bayern.de) in der Rubrik "Praxisbeispiele" beschriebenen Projekte, die von Modelleinrichtungen während der Phase der Implementation des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans durchgeführt wurden, verdeutlichen, dass u.a. die folgenden Kompetenzen geschult werden:

kognitiver Bereich

sozialer Bereich

Persönlichkeitsbildung

physische Entwicklung

kreativer Bereich

Projektthemen

Es gibt Tausende verschiedener Themen, die in Projekten behandelt werden können. In der Rubrik "Praxisbeispiele", in Fachzeitschriften und relevanten Websites sowie in dem von mir verfassten Buch "Projektarbeit im Kindergarten: Planung, Durchführung, Nachbereitung" (Textor 2005) wurde bereits eine Vielzahl von Projekten vorgestellt.

Die Projektthemen können einem der im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan genannten Förderschwerpunkte entnommen werden. In der Regel fließen aber Inhalte aus mehreren oder gar allen Bildungsbereichen in ein Projekt ein. Bei Projekten werden – trotz unterschiedlicher Themen – aber ähnliche Fähigkeiten und Fertigkeiten gelernt (s.o.). Nur die erworbenen Kenntnisse hängen vom Projektthema ab; hier gilt das Prinzip des exemplarischen Lernens.

Ein relativ komplexes und längerfristiges Projekt kann somit dem ganzen Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan genügen, wie Abbildung 1 verdeutlicht:

Diagramm zur Projektarbeit
Abb. 1: Abdeckung aller Bildungsbereiche und Kompetenzen durch Projekte

Der Ablauf von Projekten

Abschließend soll noch kurz dargestellt werden, wie Projekte ablaufen (ausführlicher z.B. in Textor 2005): Die Initiative zu einem Projekt geht entweder von den Erzieher/innen oder den Kindern aus; sie ergibt sich aus einer Situation, ist spontan oder geplant. Im Sinne der im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan geforderten Beteiligung von Kindern sollten diesen viele Mitbestimmungsmöglichkeiten eingeräumt werden. So sollten sie den Projektablauf durch ihre Ideen und Vorschläge prägen – was auch zu mehr Interesse und mehr intrinsisches Motivation führt.

Zu Beginn eines Projektes sollten zunächst in Gruppendiskussionen der Kenntnisstand der Kinder und ihre bisherigen Erfahrungen bezüglich der jeweiligen Thematik erfasst werden. Diese Gespräche bringen die Kinder auf einen vergleichbaren Wissensstand, der als gemeinsame Grund- bzw. Ausgangslage für das Projekt dient. Daran schließen sich zumeist praktische Aktivitäten wie Malen, Basteln oder Rollenspiele an.

Spätestens an dieser Stelle sollten die Eltern durch Elternbriefe, Anschläge oder einen Elternabend über das Projekt informiert und so weit wie möglich oder gewollt in die pädagogische Arbeit eingebunden werden. Auch können die Kinder z.B. mit Aufträgen nach Hause geschickt werden. Dies führt dazu, dass Eltern zu Hause mit ihren Kindern über die Projektaktivitäten sprechen oder mit ihnen bestimmte Aktivitäten ausführen. Durch das Interesse der Eltern wird nicht nur die Motivation der Kinder aufrechterhalten, sondern diese haben auch die Gelegenheit, daheim neue Begriffe zu üben, ihre Erfahrungen zu reflektieren und ergänzende Kenntnisse zu erwerben. Oft geben die Eltern den Kindern Bücher, Broschüren, Fotos oder andere Materialien in die Kindertageseinrichtung mit, die Diskussionen, Aktivitäten und Rollenspiele bereichern.

Wie die Projekte auf der IFP-Homepage verdeutlichen, können diese ganz unterschiedlich ablaufen: Immer aber wird beobachtet, experimentiert, diskutiert, gebastelt, gemalt, gesungen, getanzt usw. Phasen der Kleingruppenarbeit wechseln mit Einzel- und Paararbeit ab. Oft kommt es zu Rollenspielen, die mit der Zeit immer komplexer werden. Außenaktivitäten, Besichtigungen und Ausflüge werden geplant und durchgeführt, Fachleute in die Kindertageseinrichtung eingeladen und interviewt. Die Erzieher/innen beobachten, stimulieren zum Hinterfragen von Erfahrungen und Vorstellungen, führen neue Begriffe ein, stellen in der Gruppe relevante Objekte vor, konsultieren, gestalten die Umwelt, bringen ergänzende Informationen durch Fotos, Dias, Bücher und Geschichten ein.

Wichtig ist es, während der Durchführung des Projekts immer wieder kurze Reflexionsphasen einzuschieben. Dann können neue Vorschläge und Ideen der Kinder besprochen und diejenigen von Eltern und Fachkräften eingebracht werden. Zugleich sollte geklärt werden, wie groß das Interesse der Kinder noch an dem jeweiligen Thema ist und ob ihren Bedürfnissen und Wünschen entsprochen wird. Schließlich können die Lernerfahrungen der Kinder, die Qualität ihrer Zusammenarbeit, ihr Verhalten gegenüber außen stehenden Gesprächspartnern u.Ä. reflektiert werden.

In diesen Reflexionsphasen sollten die Kinder auch darüber nachdenken, was sie bis dahin gelernt haben. So werden sie angehalten, über das Lernen, das Denkens und den Wissenserwerb nachzudenken.

1. Auf der einen Seite wird ihnen bewusst, was sie gelernt haben – und dass ist oft etwas anderes, als sie geglaubt haben, gelernt zu haben (z.B. wenn sich Kleinkinder mit der Uhr befasst haben, antworten sie auf eine entsprechende Frage oft, dass sie nun eine Uhr malen oder ablesen können. Erst aufgrund von Nachfragen erkennen sie, dass sie auch einen Begriff bzw. ein Verständnis von "Zeit" gewonnen haben. Zugleich gelangen sie von einem Begriff des Lernens als Tun zu dem erweiterten Konzept des Lernens als Wissenserwerb ). Die Kinder erinnern sich, wiederholen das Gelernte und speichern es besser im Gedächtnis ab. Auf diese Weise wird der Lernerfolg gesichert.

2. Auf der anderen Seite wird den Kleinkindern durch die Frage "Was habt ihr nun gelernt?" der Prozess des Lernens bewusst gemacht. Es wird mit ihnen z.B. über ihre Gedanken, falsche Vorannahmen und den Weg gesprochen, wie sie zu der "richtigen" Erkenntnis gekommen sind (z.B. durch genaues Beobachten, Experimentieren, Gespräche mit Experten). So wird ihnen deutlich, wie man denkt bzw. lernt und auf welche Strategien man dabei zurückgreifen kann (Erwerb von lernmethodischer Kompetenz).

Wichtig ist aber auch, dass die Erzieher/innen Lernerfolge herausstellen und die Kinder häufig positiv verstärken (Lob), da sie auf diese Weise motiviert bleiben und Selbstbewusstsein entwickelt. Wenn das Interesse der Kinder am Projektthema abnimmt, ist es an der Zeit, das Projekt zu beenden. Sinnvoll ist ein besonderer Abschluss, der mit einer Präsentation der Projektergebnisse in der Öffentlichkeit verbunden sein kann. Die Darstellung der Projektergebnisse ist nicht nur für die Kinder wichtig, sondern verdeutlicht auch die pädagogische Arbeit des Kindergartens gegenüber Eltern, Träger und anderen Personen. Es kommen beispielsweise folgende Aktivitäten in Frage:

Ein Auswertungsgespräch – zumindest im Team, aber möglichst auch mit den Kindern (und Eltern) – darf keinesfalls fehlen. Es wird z.B. reflektiert, was für Lernerfahrungen gemacht wurden, welche Projektphasen gut und welche weniger gut verliefen, wie das Klima in der Gruppe war, wie das Projekt bei Eltern und Außenstehenden ankam usw. Auch können Kritikpunkte erörtert und Konsequenzen für zukünftige Projekte gezogen werden.

Literatur

Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen/Staatsinstitut für Frühpädagogik (Hg.): Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. Entwurf für die Erprobung. Weinheim: Beltz 2003

Textor, M.R.: Projektarbeit im Kindergarten: Planung, Durchführung, Nachbereitung. Norderstedt: BoD 2005


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