Lernmethodische Kompetenz: Wie Kinder das Lernen lernen
Dr. Kristin Gisbert
Einer der drei inhaltlichen Schwerpunkte unseres Projekts "Konzeptionelle Neubestimmung von Bildungsqualität in Tageseinrichtungen für Kinder mit Blick auf den Übergang in die Grundschule" behandelt die Förderung lernmethodischer Kompetenzen. Es herrscht in der internationalen Elementarpädagogik heute Konsens darüber, dass die Moderierung und Gestaltung von Lernprozessen ins Zentrum der Arbeit in der Tagesbetreuung gerückt werden sollten. Dabei steht aktuell die Frage im Vordergrund, wie Lernprozesse zu gestalten sind, damit die Kinder sowohl effektiv lernen als auch die Fähigkeit zu lernen erwerben. Wir haben diese Frage aufgegriffen, und ich möchte Ihnen im Folgenden einen kleinen Ausschnitt aus unserer Projektarbeit zur Förderung lernmethodischer Kompetenzen vorstellen.
Zunächst schicke ich dazu unsere Definition von lernmethodischer Kompetenz voraus, schließe einige Ausführungen über die Forschung zu Lernprozessen im Kindergarten an und gehe dann über zu einem praktischen Ansatz zur Förderung lernmethodischer Kompetenzen, der in Schweden entwickelt und auch evaluiert wurde.
Definition: Als lernmethodische Kompetenzen bezeichnen wir solche Kompetenzen, die den Erwerb von Wissen fördern, indem beim Lernen soziale und individuelle Formen von Metakognition und Selbststeuerung eingesetzt werden . Wie diese Definition im Einzelnen zu verstehen ist, möchte ich im Verlaufe meiner Darstellung erläutern.
In dem noch heute durch Fröbel geprägten Kindergarten hat die Überzeugung Tradition, dass Kinder durch Basteln, Malen und situative Erfahrungen etwas lernen. Wie die Forschung zum Lernen im Kindergarten zeigt, muss allerdings die Frage gestellt werden, ob diese Organisation von Aktivitäten tatsächlich für effektives Lernen ausreicht.
Dazu die kleine Fallgeschichte von Anna, die sechs Jahre alt ist und bald in die Schule kommt: Anna hat im Kindergarten an einem Projekt über die Temperatur teilgenommen. Es wurden die Jahreszeiten besprochen, was frieren und schwitzen bedeutet und wie wir noch feststellen können, ob es warm oder kalt ist. Die Kinder haben in Eimern mit unterschiedlich temperiertem Wasser mit den Händen geplanscht, Thermometer hineingehalten und ihre Säulen beobachtet. Wasser wurde zu Eis gefroren und wieder in die Sonne gestellt, und schließlich hat Anna sich entschieden, ein Thermometer zu basteln. Als Anna später gefragt wurde, was sie in ihrem Projekt gelernt hat, hat sie geantwortet: "Ich habe gelernt, ein Thermometer zu basteln".
Anna steht stellvertretend für viele Kinder, die in Schweden von Ingrid Pramling Samuelson befragt wurden (vgl. Pramling, 1990). Für diese Kinder wie auch für Anna bedeutet etwas zu lernen, dass sie etwas tun können, was sie vorher nicht konnten – wie ein Thermometer zu basteln. Die Erzieherin hatte mit ihrem sorgfältig vorbereiteten Projekt jedoch etwas anderes im Sinn. Sie wollte den Kindern nämlich Wissen über das abstrakte Konzept der Temperatur nahe bringen.
Antworten der Kinder, wie z.B. sie gelernt hätten , ein Thermometer zu basteln, weisen auf die Vorstellungen der Kinder über das Lernen hin – darauf, was sie denken zu tun, wenn sie lernen. Die Kinder entwickeln durch die Arbeit im Kindergarten, wenn diese so durchgeführt wird wie in Annas Projekt, die Vorstellung, dass das, was sie im Kindergarten lernen, im Tun besteht. Wenn es aber das Ziel ist, dass Kinder Wissen erwerben, so stellt sich die Frage: Wie gelangen wir vom kindlichen Konzept des Lernens als Tun zu einem Konzept des Lernens als Wissen?
Wir wissen aus der Forschung, dass Kinder dann effektiv und mit Verständnis lernen, wenn sie ein Bewusstsein für ihre Lernprozesse entwickeln und verstehen, worauf die Lernprozesse abzielen. Ein Bewusstsein ihrer Lernprozesse wird den Kindern nicht nur dabei helfen, die Inhalte besser zu verstehen, sondern auch lernmethodische Kompetenzen zu erwerben.
Ein solches Bewusstsein für Lernprozesse wird durch metakognitive Lernarrangements im Kindergarten geschaffen, wie sie in Schweden entwickelt wurden. Mit Metakognition bezeichnet man in der Psychologie das Denken über (= meta) das eigene Nachdenken, also auch das Nachdenken über das eigene Lernen. In metakognitiv orientierten Lernarrangements wird das Bewusstsein der Kinder dafür gefördert; dass sie lernen, was sie lernen und wie sie lernen.
Aus der entwicklungspsychologischen Forschung ist bekannt, dass Kinder diese metakognitiven Fähigkeiten mit dem 4. Lebensjahr erwerben. Sie entwickeln in diesem Alter die Fähigkeit zu verstehen, dass sie über ihr eigenes Denken und Lernen nachdenken können.
Das Ziel, das Bewusstsein der Kinder für die Lernprozesse zu fördern, lässt sich erreichen, indem drei Aspekte simultan bei der Durchführung und Planung von Kindergartenprojekten beachtet werden:
- Inhalt (inkl. Ziel),
- Struktur,
- Lernprozess, der ebenfalls mit den Kindern thematisiert wird.
Der Inhalt des Projekts ist das Thema, beispielsweise das Thema "Das Geschäft". Mit dem Thema wird zugleich das Ziel formuliert, das mit dem Projekt verfolgt werden soll. In Kindergartenprojekten sind die Ziele in der Regel solche Aspekte des Themas, die Erwachsenen als selbstverständlich erscheinen – beispielsweise, dass ein Geschäft ein System ist, das aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann, z.B. der des Kunden, des Inhabers, Verkäufers, Lieferanten etc.
Dieser Aspekt, dass es sich um ein System handelt, verweist bereits auf den Strukturaspekt und die Strukturierung des Themas, denn das bedeutet, dass die Vorgänge in einem Geschäft nur dann für das Kind verständlich sind, wenn das Geschäft auch tatsächlich als Ganzes aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wird und es nicht auf den bloßen Einkauf reduziert wird. Denn nur wenn das System als Ganzes und seine Struktur thematisiert werden, erhalten auch die Einzelheiten für die Kinder einen Sinn und lassen sich aus dem Ganzen ableiten. Kindergartenkinder wissen z.B. vielfach nicht, was mit dem Geld in der Kasse geschieht. Sie denken z.B., es würde in einem großen Topf gesammelt oder eingeschmolzen, um neues Geld herzustellen. Würde man den Kindern lediglich erzählen , was mit dem Geld geschieht, würde es für sie wenig Sinn ergeben, und die Information ginge bald wieder im Gedächtnis verloren. Wenn sie aber die Perspektive des Ladenbesitzers kennen gelernt haben, wird ihnen der Verwendungszweck deutlich. Sie können diese Perspektive z.B. kennen lernen, indem sie selbst ein realistisch gestaltetes Spielkindergartengeschäft eröffnen, plötzlich keine Waren mehr in den Regalen vorfinden, weil alles verkauft ist, und nun in die Situation geraten, neue Waren einkaufen zu müssen.
Der Inhalt wäre also in diesem Beispiel "Das Geschäft"; das Ziel würde lauten, "das Geschäft als System verstehen"; und die Struktur würde darin bestehen, den Kindern den Systemcharakter des Geschäfts vor Augen zu führen, indem sie selbst ein realistisch gestaltetes Geschäft eröffnen und die Gelegenheit haben, die Zusammenhänge des Geschäftslebens kennen und verstehen zu lernen.
Der dritte Aspekt bezieht sich auf die Reflexion des Lernprozesses. In metakognitiv orientierten Projekten werden die Erlebnisse und Erfahrungen, die die Kinder im Verlaufe des Projekts sammeln, dokumentiert und dienen im Anschluss z.B. dazu, Kindern, die sich mit anderen Themen beschäftigt haben, den Ablauf und die Ergebnisse des eigenen Projekts zu präsentieren. Es kann sich dabei um eine Fotodokumentation handeln, ein Bilderbuch oder etwas Ähnliches; wichtig ist, dass sie ein solches Werk erstellen. Indem die Kinder anhand dieses Werks ihre eigenen Erfahrungen reflektieren und anderen Kindern von ihnen berichten, wird ihre Aufmerksamkeit auf die einzelnen Stufen des Prozesses gelenkt. Sie geben ihre eigenen Überlegungen und die der anderen Kinder in ihrer Gruppe wieder und reflektieren damit zugleich, was sie erlebt und gelernt haben.
In diese Sinne wäre ein metakognitiv orientiertes Projekt – wie in der Definition eingangs erwähnt – eine individuelle und soziale Form des Lernens. Die Aufgabe der Erzieherin besteht darin, die Aufmerksamkeit der Kinder immer wieder auf ihre Lernprozesse zu lenken und diese in den Reflexionsphasen in der Kindergruppe so zu besprechen, dass den Kindern ihre Lernerfahrungen als solche bewusst werden.
Metakognitiv orientierte Lernarrangements sind in Schweden evaluiert worden. Eine gemeinsame Berücksichtigung der Aspekte Inhalt, Struktur und Lernprozess führt einerseits zu einer Veränderung der Konzepte der Kinder über das Lernen und andererseits zu Transfereffekten der dabei erworbenen lernmethodischen Kompetenzen. Es zeigt sich, dass Kinder ihre Konzepte, was es bedeutet, etwas zu lernen, im Verlaufe solcher Projekterfahrungen ändern. Dachten zu Anfang solcher Projekte noch gut 80% der Kinder, zu lernen würde bedeuten etwas zu tun , so dachten das am Ende nur noch gut 40%. Der Anteil der Kinder, die zu Beginn dachten, Lernen hätte mit Wissen zu tun, stieg von weniger als 10% auf gut 60%.
Und nicht nur die Konzepte der Kinder hatten sich verändert, sondern sie hatten darüber hinaus kognitive und lernmethodische Kompetenzen entwickelt. Kinder, die an solchen metakognitiv gestalteten Lernarrangements teilgenommen haben, sind z.B. viel eher in der Lage, die Bedeutung oder Moral einer Geschichte, die sie zum ersten Mal hören, zu erfassen. Vergleichskinder beschränken sich demgegenüber auf Oberflächenmerkmale. Die Vergleichskinder erzählen lediglich Teile der Handlung nach, während die Kinder aus den metakognitiven Projekten gelernt haben, über die Handlung nachzudenken und die Schlussfolgerung zu ziehen, welche tiefer gehende Idee der Handlungsablauf symbolisiert.
Der metakognitive Ansatz bietet somit eine Möglichkeit, Lernprozesse im Kindergarten zu fördern, indem über den behandelten Inhalt hinaus die Struktur des Inhalts und die Lernprozesse selbst thematisiert werden.
In der gegenwärtigen Bildungsdiskussion, wie wir sie in Deutschland nach PISA erleben, werden immer wieder verschiedene Vorstellungen darüber geäußert, was Kinder bereits im Kindergarten lernen sollten – seien es Naturwissenschaften, Mathematik oder die Anfänge des Schriftspracherwerbs. Unser Beitrag zur Förderung lernmethodischer Kompetenzen möchte darauf hinweisen, dass bei jedem Inhalt, für den man sich entscheidet, immer auch beachtet werden sollte, wie die Prozesse des Lernens zu organisieren sind, damit Lernen effektiv, nachhaltig und mit Verständnis für das Lernen selbst stattfindet.
Literatur
Pramling, I.: Learning to learn. A study of Swedish preschool children. New York: Springer 1990


