Gemeinsam mit den Eltern: Bildungsauftrag des Kindergartens
Michael Schnabel
Bildung ein zentrales Anliegen der Eltern
Was haben Kindergartenkinder oft schon für einen gedrängten Terminkalender: Frühmusische Erziehung am Montag; Töpfern am Dienstag Nachmittag; Englisch für Kleinkinder am Mittwoch Vormittag; Tennistraining am Mittwoch Nachmittag; Kinderturnen am Donnerstag; usw.
Dies zeigt: Viele Eltern scheuen weder Mühen noch Kosten, um ihren Kindern eine möglichst frühzeitige und umfassende Förderung zu bieten. Auch wenn Eltern ihren Sprösslingen manchmal zuviel aufhalsen, so muss dennoch zugestanden werden, schnell sind Zeiten der Ausbildung versäumt, wie neuerdings die Hinforschung nachweist. Gerade heute in unserer Leistungs- und Wissensgesellschaft sollte jedes Kind die Vielfalt der Angebote nicht versäumen. Möglichst frühzeitige und umfassende Bildung ist zu einer unverzichtbaren Resource geworden. Das Anliegen Bildung ist Zentrum der öffentlichen Auseinandersetzung.
Auch dem Kindergarten kommt bei dieser Bildungsoffensive große Bedeutung zu. Dieses Anliegen ruft viele Fragen hervor: Wie werden Kleinkinder sachgemäß gebildet? Soll die Bildung im Kindergarten nur auf die Kinder fokussiert sein oder müssen auch die Eltern beteiligt werden? Wie kann ein erfolgreiches Miteinader aussehen?
- Nur Kooperation ist erfolgreich!
- Hochachtung der Familie!
- Von der Erziehungspartnerschaft zur Bildungspartnerschaft
- Projektarbeit intensiviert Zusammenarbeit!
- Wie Eltern für Eltern Elterngespräche führen
- Ausblick
- Literatur
Nur Kooperation ist erfolgreich!
Schon die Anfänge der Kindergartenbewegung sind geprägt von Unterstützung, Entlastung und Hilfen für die Eltern. Die ersten Kinderbewahranstalten wollten den Eltern Möglichkeiten eröffnen, damit sie ohne Sorgen und Gewissensnöten ihrer Arbeit nachgehen können.
Eine teilweise Konzentration auf die Schulung der Eltern war bereits im Konzept des Kindergartens von F. Fröbel vorgesehen. Denn die Eltern sollten lernen, wie sie sich sinnvoll mit ihren Kindern beschäftigen und sorgfältiger auf die Gesundheit ihrer Kinder achten können.
Die Reform des Kindergartens in den 60er Jahren konzentrierte sich auf den Abbau von Entwicklungsdefiziten bei den Kindern. Hier sollten die Eltern den Kindergarten unterstützen. Es war in den 70er und 80er Jahren der Situationsansatz, der den Eltern eine wichtige Stellung einräumte.
Besonders in den 90er Jahren wurden neue Ansätze und Modell der Zusammenarbeit von Kindergarten und Elternhaus entwickelt. Mit dem Begriff der Erziehungspartnerschaft wurde versucht das Miteinader zu beschreiben. Im Bayerischen Erziehungs- und Bildungsplan wurde das Konzept erweitert zur Bildungspartnerschaft.
Hochachtung der Familie!
Nicht erst die pädagogischen Institutionen Kindergarten und Schule sind die treibenden Kräfte für die Bildung der Kinder.
Ganz im Gegenteil: Seien es Sprachfähigkeiten, Leistungsbereitschaft, Lernmotivation, Selbstbewusstsein, soziale und emotionale Fähigkeiten, Grob- und Feinmotorik - all dies lernen Kinder weitgehend in den Familien. So bestätigen durchwegs alle wissenschaftlichen Untersuchungen, dass die Entwicklung der Kinder und ihre kognitiven Leistungen weit mehr in der Familie als im Kindergarten oder in der Schule geprägt werden.
Der Gesetzgeber stellt die hohe Bedeutung der Familien für ihre Kinder dadurch heraus, dass er ihnen einen Vorrang gegenüber allen pädagogischen Institutionen zuspricht: Laut Artikel 6 Abs. 2 des Grundgesetzes sind Pflege und Erziehung das natürliche Recht und die den Eltern zuvörderst obliegende Pflicht. Eltern haben demnach einen verfassungsrechtlich garantierten Erziehungsvorrang vor allen pädagogischen Institutionen. Damit wird deutlich, dass Kindertagesstätten nur ein nachrangiges, ein übertragenes Erziehungsrecht haben.
Diese Wertschätzung der pädagogischen Leistungen von Familien soll eine Kooperation zwischen Kindergarten und Elternhaus beinhalten.
Von der Erziehungspartnerschaft zur Bildungspartnerschaft
Die kurze Rückschau auf die Kindergartenerziehung verdeutlicht: Kindergartenerziehung ging immer mit dem Elternhaus Hand in Hand. Ganz besonders wird die Intensivierung der Zusammenarbeit von Kindergarten und Elternhaus in den Projekten und Konzepten der letzten Jahre herausgestellt. Dabei ist Partnerschaft mit den Eltern der Schlüsselbegriff. Wie Partnerschaft zwischen Kindergarten und Elternhaus im Alltag umgesetzt werden soll, dazu gibt es unterschiedliche Akzente in den Vorlagen. "Erziehungspartnerschaft" ist der Begriff, der in den letzten Jahren die gemeinsame Verantwortung für die Förderung des Kindes bezeichnet. Im Bayerischen Erziehungs- und Bildungsplan (Seite 221) heißt es dazu: "Im Rahmen dieser Zusammenarbeit gilt es eine Erziehungspartnerschaft anzustreben: Hier öffnen sich Familie und Kindertageseinrichtung füreinander, tauschen ihre Erziehungsvorstellungen aus und kooperieren zum Wohl der ihnen anvertrauten Kinder. Sie erkennen die Bedeutung der jeweils anderen Lebenswelt für das Kind an und teilen ihre gemeinsame Verantwortung für die Förderung des Kindes. Bei einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Fachkräften und Eltern findet das Kind ideale Entwicklungsbedingungen vor: Es erlebt, dass Familie und Tageseinrichtung eine positive Einstellung zueinander haben und ( viel) voneinander wissen, dass beide Seiten gleichermaßen an seinem Wohl interessiert sind, sich ergänzen und einander wechselseitig bereichern."
Die jüngsten intensiven Auseinandersetzungen zu Fragen der Bildung im Kleinkindalter und die Neubestimmung des Bildungsgeschehens im Kindergarten verlangten auch eine Weiterführung bei der Zusammenarbeit mit den Eltern. Zusätzlich zur gemeinsamen Verantwortung für die Erziehung der Kinder sollten Chancen der Kooperation in Fragen der Bildung aufgegriffen und genutzt werden. Dazu heißt es im Bayerischen Erziehungs- und Bildungsplan (Seite 221): "Diese Erziehungspartnerschaft ist zu einer Bildungspartnerschaft auszubauen. Wie die Erziehung soll auch die Bildung zur gemeinsamen Aufgabe werden, die von beiden Seiten verantwortet wird. Wenn Eltern eingeladen werden, ihr Wissen, ihre Kompetenzen oder ihre Interessen in die Kindertageseinrichtung einzubringen, erweitert sich das Bildungsangebot. Wenn Eltern mit Kindern diskutieren, in Kleingruppen oder in Einzelgesprächen, bringen sie andere Sichtweisen und Förderperspektiven ein. Wenn Eltern Lerninhalte zu Hause aufgreifen und vertiefen, wird sich dies auch auf die kognitive Entwicklung des Kindes positiv und nachhaltig auswirken, denn sie ziehen an einem Strang."
Eltern in der Bildungsverantwortung für den Kindergarten, Eltern als Impulsgeber für Bildung in Kindergruppen und Eltern als Ideenstifter für neue Bildungshorizonte? Wie soll das realisiert werden? Sind dabei nicht alle beteiligten überfordert - die Kinder, die Eltern und die Erzieher/innen?
Dazu gibt es bereits erste Versuche und Erfahrungen: Innovationsfreudige Kindergärten laden Eltern ein, um ihre Erfahrungen und Fertigkeiten den Kindern im Kindergarten weiterzugeben. Es werden mit den Eltern Projekte und Aktionen geplant, durchgeführt und ausgewertet. In Bayern sind es vor allem die Netz-für-Kinder-Gruppen, die ständig mit den Eltern zusammenarbeiten und in denen Tag für Tag die Eltern mitarbeiten.
Projektarbeit intensiviert Zusammenarbeit!
Projektarbeit ist variabel, dynamisch und offen: Projekte können sich in kurzen Aktionen erschöpfen oder auch mehrere Wochen beanspruchen. Sie sind prozessorientiert, weil auch während des Projektes noch Ausweitungen und Veränderungen vorgenommen werden können. Und schließlich sind Projekte so offen, dass alle Themen und Bildungsinhalte bearbeitet werden können.
Welches Projekt wird angepackt? Ideen kommen von den Kindern, Erzieher/innen oder Eltern. Nachdem eine Projektidee vorliegt, steht sie zur Beratung an: Alle Beteiligten diskutieren, verhandeln und stimmen ab, ob das Projekt umgesetzt werden soll. Dann geht es an die Arbeit: Zunächst legt ein Plan fest: Wer macht was. Welche Materialien sind nötig? Wer ist verantwortlich? Es können auch Eltern die Regie in die Hand nehmen und das Projekt planen und durchziehen. Nach der praktischen Arbeitsphase geht es an die Auswertung. In Gesprächen werden Erfahrungen ausgetauscht, Einsichten mitgeteilt, Erkenntnisse festgehalten. Und schließlich soll auch die breite Öffentlichkeit unterrichtet werden, welche neuen Einsichten gewonnen wurden. Solche Projekte sind ein Highlith der Bildung sowohl für die Eltern und Erzieher/innen wie auch für die Kinder.
Wie Eltern für Eltern Elterngespräche führen
Projekte im Kindergarten: Gewöhnlich denkt man, Erzieherinnen führen zusammen mit den Kindern die Projekte durch. Aber mehr noch: Spannend und prickelnd wird die Projektarbeit vor allem dann, wenn Eltern, Erzieherinnen und Kinder ein Projekt realisieren. Es lassen sich mehrere Variationen denken: Eltern führen mit den Kindern ein Projekt durch und die Erzieherinnen beteiligen sich; Erzieherinnen führen mit den Eltern allein ein Projekt durch; oder auch die Erzieherinnen führen zusammen mit Eltern und Kindern ein Projekt durch.
Projekte sind vor allem dann sehr aufschlussreich und für Eltern und Kinder ein Bildungsimpuls, wenn sich mehrere oder sogar alle Eltern der Gruppe beteiligen.
Einen großen Erfahrungsgewinn erzeugt zunächst die gemeinsame Aktion: die Erwachsenen sehen, wie die Kinder die Ideen umsetzen. Alle erleben das gemeinsame Handeln und sammeln Erfahrungen in der Zusammenarbeit. Der Bildungseffekt vertieft sich zusätzlich, wenn Eltern erzählen und beschreiben, wie sie das Miteinander erlebt haben und wo es Schwierigkeiten und Sperren gab. Mehr noch: Eltern beraten sich gegenseitig, wenn sie zur Sprache bringen, wie die Kooperation untereinander und mit den Kindern gelungen ist. Es weiten sich geradezu die Grenzen der Bildung, sobald Eltern ihre Verhaltensweisen im Umgang mit den Kindern hinterfragen und auf eigene Kindheitserfahrungen zurückgreifen.
Ausblick
Ist solch umfassende Bildung noch zu leisten? Ist es die Regel, dass Eltern so offen miteinander reden? Dass Gespräche nach einem Projekt zur Rundumberatung werden? Dass Eltern ihre Verhaltensmuster gegenüber ihren Kindern nach Ausgangspunkten suchen?
Viele Aktionen und Projekte lieferten den Beweis: Projektarbeit kann Bildung so stark intensivieren, wie oben beschrieben wurde.
Was muss dazu die Erzieherin leisten? Erstaunlich wenig! Es gilt nur die richtigen Impulse zu setzen, Möglichkeiten der Umsetzung anbieten und Aktionen wohlwollend begleiten. Jedoch haben sich damit ihre Aufgaben völlig verändert: Sie ist nicht mehr die Organisatorin, die Leiterin von Aktionen, diejenige, die Kinder beschäftigt. Sondern sie ist diejenige, die das Bildungsgeschehen beobachtet, reflektiert im Hintergrund ausrichtet. Sie beobachtet die Prozesse, verstärkt die Kommunikation, unterstützt bei Schwierigkeiten und hilft bei Pannen. Sie wird sozusagen zur Bildungsmanagerin.
Literatur
Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen; Staatsinstitut für Frühpädagogik (Hrsg.): Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung, München 2003.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Perspektiven zur Weiterentwicklung des Systems des Tageseinrichtungen für Kinder in Deutschland, Berlin 2003.
Bundesverband Neue Erziehung e.V. (Hrsg.): Mit den Eltern und nicht für die Eltern. Zusammenarbeit von Eltern und Erzieherinnen in Kindereinrichtungen, Bonn 1997.
Diakonisches Werk der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen in Bayern, Landesverband Evangelischer Kindertagesstätten in Bayern e.V. (Hrsg.): Gemeinsam geht's besser. Elternmitwirkung in Tageseinrichtungen für Kinder. Eine Arbeithilfe, Nürnberg 1997.
Hense, M.: Eltern engagieren sich. Zusammenarbeit mit Elternbeiräten, Elternräten oder Elternvertretungen, München 2001.
Hupperts, N.: Elternmitsprache im Kindergarten. Eine Aufgabe für Eltern, Erzieher, Träger, Freiburg 1980.
Jansen, F.; Wenzel, P.: Von der Elternarbeit zur Kundenpflege. Kindertageseinrichtungen auf dem Weg zum Dienstleistungsunternehmen, München 1999.
Textor, M.: Kooperation mit den Eltern. Erziehungspartnerschaft von Familie und Kindertagesstätte, München 2000.
Textor, M.: Projektarbeit im Kindergarten. Planung, Durchführung, Nachbereitung, Freiburg Basel Wien 1997/3.


