Projekt: Papier schöpfen
Wald- und Seekindergarten Lindau e.V.
Im Wald- und Seekindergarten Lindau halten sich die Kinder mit ihren Erzieherinnen ständig im Freien auf. Die Einrichtung befindet sich in einem wunderschönen abwechslungsreichen Waldstück nordöstlich der Stadt Lindau. Zurzeit wird er von 19 Kindern besucht.
Vorgeschichte
Ausgangspunkt unseres Projektes war im Grunde unser tief verschneiter Winterwald, in dem wir zauberhafte Wesen fanden und welcher uns mit seiner Mystik zum Fabulieren und Erzählen geradezu einlud. Jedes Kind erzählte uns seine ureigenste Geschichte von seinem verzauberten Wesen. So erfuhren wir vom Steinwesen, vom Sonnenengel, vom Drachen Saugknopf Silberschweif, um nur einige zu nennen, und schrieben ihre Geschichten auf.
Wir beschäftigten uns damit, wie und wo die Menschen vor sehr langer Zeit ihre Geschichten erzählt haben, setzten uns um ein Feuer in einer kleinen Höhle und erzählten dort die Sage vom Bollermännchen im Motzacher Wald. Märchen, Sagen und Geschichten wurden aufgeschrieben, und auf diese Weise wurde dieser Sprach-Schatz erhalten. Auch wir wollten unsere "Schätze" aufschreiben und ein Buch binden.
Gleichzeitig wurde in unserem Wald auch in diesem Jahr Holz geschlagen. Die Kinder überlegten sich auf ihren Abenteuerwegen, was mit dem geschlagenen Holz gemacht werden wird. So kamen sie auch darauf, dass man aus Holz auch Papier machen kann. Das wollten wir ausprobieren und mit unserem selbst geschöpften Papier zumindest die Bücherdeckel für unsere Geschichtenbücher herstellen.
Ziele
Ziele unseres Projekts waren:
- Bewusst machen, dass wir einen Sprach-Schatz haben
- Zusammenhänge erkennen: Bäume sind Rohstofflieferanten zur Papierherstellung; Holz ist wertvoller, begrenzter Rohstoff; Verwendung von Altpapier schont die Ressource Wald
- Freude am Experimentieren
Praktische Umsetzung
Als Medium diente uns eine Puppe, die Tsai Lun, einen chinesischen Beamten, darstellte. Er hat wohl vor über 2000 Jahren das Papierschöpfen erfunden, nachdem er Wespen beim Nestbau beobachtet hatte. So erzählte Tsai Lun die Geschichte des Papiers, auf welchen Wegen es nach Europa kam usw. Er brachte auch ein Wespennest mit, das wir ausgiebig unter die Lupe nahmen. Danach begannen die gemeinsamen Überlegungen, wie wir Papier herstellen könnten, welche Utensilien wir dazu bräuchten und welche Arbeitsschritte nötig sein werden.
Zuerst richteten wir uns eine Papierwerkstatt am Bach ein und stellten aus Wasser, gesammeltem Holzmehl und zerkleinertem Zeitungspapier einen so genannten Faserbrei her. Diesen bearbeiteten wir mehrere Tage lang, wobei die Kinder zu experimentierfreudigen Papiermühlenexperten wurden.
Während eines Elternfrühstücks stellten die Eltern mit ihren Kindern zusammen Schöpfrahmen her und konnten dann auch gemeinsam das erste Papier schöpfen.
Weiterführende Tätigkeiten könnten sein:
- Herstellung feinerer Papiere mit verschiedensten Materialien
- Herstellen eines mechanischen Mahlwerkes
- Bücher binden und gestalten
- Geschichten der Kinder aufschreiben
- Suche nach den Überresten der Lindauer Papiermühlen
- Besuch einer Druckerei
Bezug zum BEP
Basiskompetenzen
Personale Kompetenzen
- Kompetenz erleben
- Aufgaben selbständig meistern
Motivationale Kompetenz
- Neugier und individuelle Interessen leben
Kognitive Kompetenzen
- differenzierte Wahrnehmung
- Denkfähigkeit
- Wissensaneignung
- Gedächtnis
Physische Kompetenzen
- Grob und Feinmotorik
- Fähigkeit zur Regulierung körperlicher Anstrengung
- anstrengen und entspannen
Soziale Kompetenzen
- Kommunikationsfähigkeit
- Kooperationsfähigkeit
Entwicklung von Werten und Orientierungskompetenz
- Wertschätzung Wald
- Fähigkeit und Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme
- Verantwortung für Umwelt und Natur
Lernmethodische Kompetenz
- Wissen über Lernvorgänge (klare Planungsschritte/ Papierwerkstatt)
- Lernen durch Experimentieren/Lernen auch aus Fehlern
- Lernen mit allen Sinnen (siehe BEP, S. 26)
Themenbezogene Förderschwerpunkte
- Sprachliche Bildung
- Mathematische Bildung
- Naturwissenschaftliche und technische Bildung
- Medienbildung durch Bücher und Lupen
- Ästhetische, bildnerische und kulturelle Bildung
Elternpartnerschaft und Elternbildung
Die Eltern waren bei der Planung und Durchführung unseres Projektes wesentlich mit eingebunden. Sie recherchierten über die Papierherstellung und den Standort der Papiermühlen in Lindau. Mit ihren Kindern zusammen bauten sie Schöpfrahmen und schöpften mit ihnen das erste Papier; dabei erfanden sie selbst verschiedene Verfahrensweisen. In Gesprächen mit den Eltern wurde deutlich, dass sie durch das Projekt ihrer Kinder wieder viel wertschätzender mit dem "Luxusgut" Papier umgingen
Bild der Erzieherin
Während der gesamten Projektphase wurden die Erfahrungs-, Lern- und Kommunikationsprozesse gemeinsam getragen. Die Erzieherinnen waren Impuls gebend, aber immer Lernende und Lehrende zugleich.
Bild des Kindes
Deutlich wurde gerade auch in diesem Projekt, wie neugierig, staunend und selbsttätig Kinder diese Welt erkunden und sich dabei ganzheitlich Wissen aneignen.
Autorinnen
Carmen Beck-Grad
Ina Kaiser
Sylvia Gröner-Steer


