Soziales Lernen in Kindertageseinrichtungen
Prof. Dr. Hartmut Kasten
Die zeitgenössische Psychologie tut sich besonders schwer, den Begriff "soziales Lernen" mit der nötigen wissenschaftlichen Exaktheit zu bestimmen. Bedeutet "soziales" Lernen zu lernen, wie man sich "sozial" , d. h. seinen Mitmenschen gegenüber verständnisvoll und hilfreich, verhält? Oder ist "soziales Lernen" - sozusagen wertfrei gemeint - eine besondere Lernart, die sich von anderen Lernarten, wie kognitives (geistig-verstandesmäßiges) oder emotionales Lernen, abgrenzen lässt? Wenn dem so ist (und das können wir unterstellen, denn die Psychologie als erfahrungsorientierte, beschreibende Wissenschaft ist natürlich an möglichst wertfreien Begriffsbestimmungen interessiert), stellt sich jedoch sogleich die Frage, wo die Grenze gezogen werden soll. Seit mehreren Jahrzehnten befassen sich Psychologen nämlich auch mit "sozialen Kognitionen" und mit "sozial-kognitiven Kompetenzen" , d. h. mit im Verlaufe der Sozialisation erworbenem Wissen und Fähigkeiten, die im Grenzland zwischen Kognitivem und Sozialem angesiedelt sind.
Es lässt sich also mit Fug und Recht fragen, ob eine exakte Abgrenzung überhaupt Sinn macht: Sind wir nicht "durch und durch" sozial und schon von unseren Anlagen her Gruppen- und Gesellschaftswesen, so dass nicht soziale, "reine" Kognitionen eher als eine Fiktion der Wissenschaftler bezeichnet werden können? Oder treffen wir "reine" Kognitionen vielleicht doch im Bereich der Logik, Mathematik oder Wissenschaftstheorie an? Befriedigende Antworten auf diese Fragen sind nicht leicht zu finden.
Ein Ausweg bietet sich an, wenn wir unseren Blick darauf lenken, wo sich "soziales Lernen" (im Unterschied zu eher "kognitivem Lernen") im Wesentlichen abspielt und wie es abläuft, d. h. welchen Regeln und Gesetzmäßigkeiten es folgt. Soziales Lernen findet nämlich überall da statt, wo Menschen es mit anderen Menschen zu tun haben, z. B. also auch in Kindertageseinrichtungen (womit wir beim Thema wären); kognitiv lernen kann man demgegenüber auch für sich allein im sprichwörtlichen stillen Kämmerlein.
Schauen wir uns also die besonderen sozialen Lernsituationen, die in Kinderkrippen und Kindergärten gegeben sind, einmal etwas näher an. Diese unterscheiden sich von den Lerngelegenheiten, die Kinder zu Hause haben, in vielerlei Hinsicht. Nicht umsonst sprechen wir davon, dass mit dem Eintritt in eine Kindertageseinrichtung Kinder erstmals in ihrem Leben aus der "Primärgruppe" der Familie in eine "Sekundärgruppe" wechseln, in der andere Normen und Verhaltensstandards gelten und möglicherweise auch ein anderer Erziehungsstil als im Elternhaus praktiziert wird.
Typische Lernsituationen, die in fast allen Einrichtungen immer wieder realisiert werden, sind der Gruppen- oder Stuhlkreis, das Freispiel und das angeleitete Spiel und die gemeinsamen Routineverrichtungen (aufräumen, Mahlzeiten einnehmen, sich anziehen und ausziehen, sich begrüßen und verabschieden usw.). In diesen Lernsituationen lernen die Kinder ganz unterschiedliche Dinge, die aber fast ausnahmslos, sieht man von einfachen motorischen Fertigkeiten, wie sich die Schuhe zubinden oder einen Flaschenverschluss öffnen, ab, soziale Relevanz besitzen.
Betrachten wir z. B. die vielfältigen Interaktionen (das ist der Fachausdruck für "wechselseitig aufeinander Bezug nehmendes Verhalten"), die ablaufen, wenn Kinder im Stuhlkreis zusammen sitzen und sich unterhalten. Sie lernen dabei u. a. wie man miteinander kommuniziert (also sich verständlich auszudrücken, sich gegenseitig ausreden zu lassen und die passende Gestik und Mimik zu verwenden) und wie man mit Streit und Meinungsverschiedenheiten angemessen umgeht. Im gemeinsamen Freispiel oder auch angeleiteten Spiel werden ihre Kooperationsfähigkeiten gefördert und engere Kontakte geknüpft, die möglicherweise zu Freundschaften ausgebaut werden. Empathie und Perspektivenübernahme, d. h. die Fähigkeit sich in andere einzufühlen und auch verstandesmäßig in deren Lage zu versetzen, können in besonderem Maße angeregt werden, wenn ältere Kinder sich um jüngere, neu in den Kindergarten gekommene Kinder kümmern.
Das sind nur einige Beispiele aus dem breiten Spektrum an sozial relevanten Kompetenzen, die Kinder in und mit Hilfe einer Kindertageseinrichtung erwerben.
Wenn wir nun einen Blick auf die im Bayerischen Erziehungs- und Bildungsplan (BEP) vorgegebenen "Basiskompetenzen zum Handeln im sozialen Kontext" (S. 36 ff.) werfen, - angeführt werden u. a. "gute Beziehungen zu Erwachsenen und Kindern", "Empathie und Perspektivenübernahme", "Fähigkeit, verschiedene Rollen einzunehmen", "Kommunikationsfähigkeit", "Kooperationsfähigkeit", "Konfliktmanagement", so fällt uns sofort auf, dass diese Basiskompetenzen weitgehend den sozialen Fähigkeiten entsprechen, die in typischen Kindergartensituationen vermittelt und erlernt werden.
Es leuchtet ein, dass im Kindergarten in erster Linie die "Kleinen" von den "Großen" (und den Erziehern/innen) lernen, aber auch der umgekehrte Fall sollte nicht unterschätzt werden: Spontane Anteilnahme, Freigiebigkeit, Nachgiebigkeit, Anpassungsfähigkeit und Kompromissbereitschaft sind sicher häufiger bei jüngeren, unerfahrenen (und deswegen zuweilen auch weniger selbstbewussten) Kindergartenkindern anzutreffen und hier können sich die Älteren oft etwas abgucken.
Mit dem Stichwort "abgucken" ist bereits angedeutet, wie "soziales Lernen" im Kindergarten oft abläuft: Man beobachtet sich gegenseitig - und das passiert zumeist "en passant", d. h. so nebenbei und ohne dass man dem anderen seine volle Aufmerksamkeit widmet, und übernimmt dann z. B. eine Verhaltensweise, eine Redewendung, eine Geste o. ä., die einem gefällt oder von der man meint, dass sie zu einem passt. Diese Art von Nachahmung bezeichnet die Psychologie als Beobachtungs- oder Modelllernen.
Das Beobachtungslernen ist die wohl wichtigste Form sozialen Lernens und wurde in zahlreichen, teilweise sehr unterschiedlichen Untersuchungen im Hinblick auf seine Voraussetzungen und Entstehungsbedingungen gründlich erforscht. Einige dieser Bedingungen habe ich auf dieser Webseite unter "Entwicklung von Basiskompetenzen - die entwicklungspsychologische Perspektive" zusammengestellt.
Natürlich gibt es noch andere Lernformen und Lernprinzipien, die beim Erwerb von Fähigkeiten und Kompetenzen, die für das Zusammenleben in sozialen Gemeinschaften von Bedeutung, eine Rolle spielen. Erwähnung verdienen hier insbesondere:
- das Bekräftigungslernen (Verhaltensweisen, die auf Anerkennung oder gar Bewunderung stoßen, werden beibehalten - Verhaltensweisen, die missbilligt, kritisiert, getadelt oder sogar bestraft werden, verschwinden zumeist schnell wieder);
- das Lernen durch direkte Unterweisung oder Instruktion (das sicher sehr oft in asymmetrischen Beziehungen, also z. B. Erzieher/in - Kind, Verwendung findet und sich vor allem in Situationen abspielt, in denen es um die Vermittlung - und natürlich auch Begründung und Rechtfertigung - von sozialen Regeln geht oder in denen wichtige Informationen weitergegeben werden müssen, die das soziale Miteinander im Kindergarten betreffen);
- das Lernen durch Versuch und Irrtum, das auch "Erfahrungslernen" genannt wird und im Prinzip darauf beruht, dass wir durch Ausprobieren konkrete Erfahrungen machen, die uns - in Abhängigkeit davon, ob sie positiv oder negativ verlaufen - immer wieder zu (auch sozial bedeutsamen) neuen Einsichten verhelfen (ein jüngeres Kindergartenkind macht in der Regel einen großen Bogen um die Gruppe der wild herumtobenden älteren Buben, wenn es mit diesen vorangehend eine unangenehme Auseinandersetzung gehabt hat).
Betrachten wir nun kognitives Lernen im Vergleich zu sozialem Lernen, so lässt sich abschließend festhalten, dass dieses zumindest teilweise anderen Lernprinzipien gehorcht, die in jüngerer Zeit vor allem von der Informationsverarbeitungstheorie untersucht worden sind. Diese befasst sich im Wesentlichen damit zu beschreiben, wie es zur Ausdifferenzierung (und nachfolgenden Integration) von kognitiven Strukturen (Begriffe, Konzepte, Schemata) kommt und wie sich an vorhandene Strukturen neue anlagern. Das, was wir umgangssprachlich als Wissenserwerb und Kenntniszunahme bezeichnen, wird dadurch verständlich gemacht.


