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Bildung und Erziehung für Kinder unter sechs Jahren:
der bayerische Bildungs- und Erziehungsplan
Wassilios E. Fthenakis

Nach dem SGB VIII stellen Betreuung , Bildung und Erziehung die zentralen Aufgaben und demnach die Legitimationsgrundlage für die Tageseinrichtungen für Kinder unter sechs Jahren dar. Während Betreuung und Erziehung bislang im Mittelpunkt des politischen wie fachlichen Interesses standen, führte der Bildungsauftrag der Tageseinrichtungen für Kinder in den letzten 20 Jahren eher ein Schattendasein. Nun gerät dieser Bildungsauftrag aber zunehmend in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, nicht zuletzt unter dem Druck aktueller bildungspolitischer Debatten, ausgelöst etwa durch die Ergebnisse der Delphi-Befragungen, das Forum Bildung der Bundesregierung oder die PISA-Studie, aber auch als Folge internationaler Entwicklungen wie sie z.B. im Ausland in der (Neu-) Bearbeitung und Implementation von Bildungskonzepten für die Tageseinrichtungen für Kinder zum Ausdruck kommen oder auch in den Bemühungen, pädagogische Qualität in diesen Einrichtungen zu konzeptualisieren, zu messen und zu evaluieren.


Die OECD-Studie "Starting Strong"

Die von der OECD im Jahr 2001 vorgestellte Studie "Starting Strong", in der die Systeme der Bildung und Erziehung von Kindern unter sechs Jahren in zehn europäischen und zwei außereuropäischen Ländern verglichen wurden, hat erneut zahlreiche Fragen aufgeworfen, die die gegenwärtige Diskussion um die Modernisierung des Erziehungs- und Bildungskonzeptes begleiten. Diese Untersuchung (Deutschland hat sich nicht beteiligt) zeigt darüber hinaus mittelbar Defizite in unserem Lande auf, welche einerseits die Erziehungs- und Bildungskonzepte und andererseits die Organisation und Steuerung des Systems betreffen. Das zentrale Defizit besteht dabei im Fehlen eines Bildungs- und Erziehungsplanes in den Tageseinrichtungen für Kinder und generell für die pädagogische Arbeit mit Kindern unter sechs Jahren. In Deutschland hat man die Arbeiten hierfür erst jetzt aufgenommen, während in mehreren europäischen und außereuropäischen Ländern solche Konzepte bereits entwickelt, implementiert und z.T. sogar schon evaluiert wurden. Eine Ausnahme bildet das Land Bayern, das bereits vor drei Jahren die für die Entwicklung eines solchen Bildungsplanes notwendigen Schritte eingeleitet und demnach die Implikationen der PISA-Studie antizipiert und umgesetzt hat.


Entwicklungen in europäischen und außereuropäischen Ländern

1996 wurden z.B. Erziehungs- und Bildungspläne in Neuseeland und in Norwegen eingeführt und für alle Tageseinrichtungen verbindlich erklärt.

Der norwegische Bildungs- und Erziehungsplan
Er wurde vom Ministerium für Kinder und Familienangelegenheiten (Framework Plan for Day Care Institutions, 1996) vorgelegt und regelt die pädagogische Arbeit in den Tageseinrichtungen. Der Rahmenplan gliedert sich in einen allgemeinen Teil, in dem der Stellenwert von Tageseinrichtungen in der Gemeinde sowie Ziele und Wertorientierungen von Tageseinrichtungen erläutert werden. Im zweiten Teil werden zentrale inhaltliche Aspekte des Bildungsplanes erläutert und im dritten Teil die Rahmenbedingungen für eine angemessene Implementation des Rahmenplanes diskutiert. Der norwegische Rahmenplan legt weder detaillierte Richtlinien für die pädagogische Arbeit in den Tageseinrichtungen fest, noch verhindert er Kreativität in der Arbeit und Vielfalt in den pädagogischen Ansätzen vor Ort.

Te Whäriki
In Neuseeland hat im selben Jahr den Nationalen Bildungsplan (Te Whäriki) für Kinder zwischen null und fünf Jahren eingeführt. Es handelt sich um ein bikulturelles Curriculum, in dem der Versuch unternommen wird, der kulturellen Diversität des Landes dadurch gerecht zu werden, dass die Traditionen der Maori und Pakeha gleichberechtigt in die Curriculumkonstruktion Eingang finden. Das Curriculum baut auf vier Grundprinzipien auf: Ermächtigung, ganzheitliche Entwicklung, Familie und Gemeinde sowie Beziehungen. Es entfaltet sich entlang von fünf Dimensionen: Wohlbefinden, Zugehörigkeit, Partizipation, Kommunikation und Exploration. Te Whäriki ist ein gutes Beispiel einer Entwicklung, die nicht nur auf die Curriculumkonstruktion, sondern auch auf die Implementation und Evaluation besonderen Wert gelegt hat.

Die Entwicklung in Schweden
1998 hat in Schweden das Ministerium für Bildung und Forschung ein nationales Curriculum für die Arbeit mit ein- bis sechsjährigen Kindern eingeführt. Das schwedische Bildungskonzept baut auf fünf Zieldimensionen auf: Normen und Werte, Entwicklung und Lernen, Einfluss des Kindes, Vorschuleinrichtung und Elternhaus sowie Zusammenarbeit zwischen Vorschulklasse, Schule und Hort. Als zentrales Regulativ in der Curriculumkonstruktion gilt das Prinzip der Demokratie. Der Plan selbst wird relativ allgemein gehalten und beinhaltet keine pädagogisch-didaktischen Hinweise für dessen Implementation, sondern setzt entsprechende Kompetenzen bei den auf Hochschulniveau ausgebildeten Fachkräften voraus.

Das englische Curriculum
Der im Jahr 2000 vom Ministerium für Bildung und Arbeit in England eingeführte Bildungsplan für die Arbeit in der Grundstufe des Bildungswesens (d.h. für null- bis fünfjährige Kinder) stellt, ähnlich wie der schwedische Plan, den kindlichen Lernprozess in den Mittelpunkt und baut auf sechs Dimensionen auf: Persönliche, soziale und emotionale Entwicklung, Kommunikation, Sprache, Textverständnis (literacy); mathematische Grundbildung; Umweltwissen und -verständnis; körperliche Entwicklung und kreative Entwicklung.

Bayern hat diese Entwicklungen international beobachtet und als erstes Bundesland darauf reagiert
Diese Entwicklungen wurden in Bayern im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Frauen und Jugend durch das IFP nicht nur verfolgt, sondern auch im Rahmen eines bereits vor drei Jahren initiierten Projektes umgesetzt, welches durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzielle Förderung erhält. In diesem Projekt wird der Versuch unternommen, entlang dreier thematischer Schwerpunkte - nämlich lernmethodische Kompetenz, Resilienz und Bewältigung von Übergängen - beispielhaft zu zeigen, wie die Neudefinition des Bildungsauftrags in den Tageseinrichtungen für Kinder erfolgen kann.


Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan

Zudem hat das IFP durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Frauen und Jugend den Auftrag erhalten, die Entwicklung eines Bildungs- und Erziehungsplans für Kinder unter sechs Jahren zu entwickeln und zu implementieren. Eine Fachkommission begleitet diese Arbeit. In dieser sind neben den Spitzenverbänden der freien und öffentlichen Wohlfahrtspflege und den kommunalen Verbänden Fachkräfte aus dem frühpädagogischen Bereich, Vertreter der Fachakademien für Sozialpädagogik, der Schule, der außerunterrichtlichen Betreuung von Kindern, der Eltern und der Wirtschaft sowie andere Experten vertreten. Das Konzept wurde im Herbst 2003 in seiner ersten Fassung vorgestellt und soll im Kindergartenjahr 2003/2004 implementiert werden.

Das Bild vom Kind
Hier liegt die Legitimation der Entwicklung eines solchen Konzeptes und die Gründe für eine Reform. Bezug genommen wird dabei auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen und ein verändertes Verständnis von Kindern und Kindheit, etwa eine Sicht des Kindes als ein aktives, kompetentes Wesen, das seine eigene Entwicklung mitgestaltet und seine Bildung aktiv mitkonstruiert. Reflektiert in ihren Auswirkungen auf die Konstruktion von Bildungs- und Erziehungsplänen werden aber auch veränderte Anforderungen der Wirtschaft an das Individuum und an das Bildungssystem und die zunehmende kulturelle Diversität und soziale Komplexität der Gesellschaft, in der die Kinder aufwachsen werden. Das Bildungskonzept wird sich - gerade auch mit Blick auf diskontinuierlich verlaufende familiale Biographien, von denen Kinder zunehmend betroffen sind - fragen müssen, wie Kindern Kompetenz vermittelt wird, um mit solchen Veränderungen angemessen umgehen zu lernen.

Neues Verständnis von Bildung - Bildung als sozialer Prozess
Einen zentralen Stellenwert hat das gewandelte Verständnis von Bildung für Kinder unter sechs Jahren. Bildung wird demnach nicht - wie bislang - primär als individuumzentrierter bzw. als Selbstbildungsansatz (das Kind bildet sich selbst) definiert, sondern vielmehr als sozialer Prozess, der jeweils im Kontext stattfindet und an dem sich - neben dem Kind - auch die Fachkräfte, die Eltern und andere aktiv beteiligen. Bildung wird damit als sozialer, ko-konstruktiver Prozess verstanden.

Bildung in diesem Sinne setzt dabei ein bestimmtes Verständnis von pädagogischer Qualität voraus, das einem struktural-prozessualen Modell folgt, in dem neben strukturellen Dimensionen (wie Gruppengröße, Personalschlüssel) vor allem prozessuale Dimensionen (z.B. Erzieher-Kind-Interaktion, Erzieher-Erzieher-Interaktion, Erzieher-Eltern-Interaktion) und nicht zuletzt kontextuelle Dimensionen (z.B. Professionalisierung und Vergütung der Fachkräfte, Qualität der Leitung der Einrichtung, Erziehungsklima) behandelt werden.

Die wichtigsten Prinzipien, denen sich das bayerische Erziehungs- und Bildungskonzept verpflichtet fühlt, sind: Das Prinzip der Demokratie und der kindlichen und elterlichen Partizipation zählen ebenso dazu wie die Berücksichtigung der kulturellen Diversität, des Grundsatzes der individuellen Differenzen (d.h. der Stärken und Schwächen eines jeden Kindes), der Inklusion (d.h. Reduktion der sozialen Ausgrenzung, die jüngst die PISA-Studie dem Bildungssystem in Deutschland bescheinigt hat), der Resilienz (d.h. der Organisation von Erziehungs- und Bildungsbedingungen, die das Kind befähigen, mit Belastungen, Veränderungen und Krisen so umzugehen, dass es darin Herausforderungen erblickt und seine Kräfte mobilisiert bzw. die Ressourcen in Anspruch nimmt, die ihm eine erfolgreiche Bewältigung ermöglichen).

Darüber hinaus sind Fragen zu diskutieren, die mit dem Verhältnis von Spielen und Lernen innerhalb dieses Erziehungs- und Bildungskonzepts zusammenhängen, und es soll gezeigt werden, dass Spielen und Lernen lediglich zwei unterschiedliche Seiten derselben Medaille darstellen, also auch spielerisch gelernt werden kann.

Die Reflexion von Differenzen ist ein weiteres Prinzip frühpädagogischer Erziehungs- und Bildungsarbeit, das neue Wege sowohl im Umgang mit Kindern aus unterschiedlichen kulturellen Gruppen eröffnet wie auch für eine geschlechterangemessenere Erziehung und Bildung. Nicht zuletzt ist auf das Verhältnis zwischen individueller Autonomie einerseits und sozialer Mitverantwortung andererseits einzugehen und der Versuch zu unternehmen, eine neue Balance zwischen beiden Aspekten zu schaffen.

Orientierung des Bildungs- und Erziehungsplanes
Vor diesem Hintergrund erscheint das Selbstverständnis des bayerischen Erziehungs- und Bildungskonzeptes zwischen institutioneller Orientierung und soziopolitischer Zielsetzung als eines, das das Kind und dessen Entwicklung und Bildung in den Mittelpunkt stellt - und dies orientiert am Kontext, d.h. mit Bezug auf Familie, Erziehungs- und Bildungsinstitutionen und die Gesellschaft. Das kompetente, ko-konstruierende Kind und seine Erziehung und Bildung als soziale, kontextbezogene Prozesse bilden die Eckpfeiler des Verständnisses von Erziehung und Bildung in der frühen Kindheit.


Der Bildungs- und Erziehungsplan im engeren Sinne

Hier nimmt das Thema "Lernmethodische Kompetenz" einen zentralen Platz ein. Bereits im frühen Lebensalter soll damit begonnen werden zu lernen, wie man lernt , wie man Wissen erwirbt, wie man es organisiert und wie man es zur Lösung komplexer Problemstellungen angemessen einsetzt, und nicht zuletzt, wie man den Einsatz von Wissen sozial verantwortet. Dies soll unter Einbezug neuerer entwicklungs- und instruktionspsychologischer Erkenntnisse erfolgen und an unterschiedlichen Lernfeldern illustriert werden. Damit rücken auch im bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan der Lernprozess und dessen Förderung in den Mittelpunkt.

Zugleich wird dieser Lernprozess so gestaltet, dass kindliche Entwicklung und vor allem Basiskompetenzen bei den Kindern gefördert werden können. Die Fokussierung auf Basiskompetenzen wie Stärkung des kindlichen Selbstkonzeptes, des Selbstwertgefühls, von Selbstregulation und Selbstwirksamkeit, von emotionaler Stabilität, von Kreativität und selbstgesteuertem Lernen, von Verantwortungsübernahme und Kooperationsfähigkeit, um hier nur einige zu nennen, stellen zentrale Aspekte des bayerischen Erziehungs- und Bildungsplanes dar.

Zudem werden die bisherigen klassischen thematischen Schwerpunkte frühpädagogischer Förderung (z.B. Musik- und Bewegungserziehung) ergänzt durch solche, die bislang vernachlässigt wurden, z.B. Stärkung früher Sprachkompetenz, Vermittlung naturwissenschaftlicher Zusammenhänge, Kompetenz im Umgang mit Medien und neuen Technologien sowie Stärkung kognitiver Kompetenzen (etwa die Vermittlung von Zeit- und Zahlenbegriffen).


Bildungs- und Erziehungspläne benötigen geeignete Rahmenbedingungen

Eine erfolgreiche Implementation eines solchen Bildungs- und Erziehungsplanes setzt bestimmte Rahmenbedingungen voraus. So sind neue strukturell-organisatorische Rahmenbedingungen notwendig, z.B. die Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Einrichtung und Eltern im Sinne der Ko-Konstruktion, bei der die Eltern als Kooperationspartner und nicht als "Kunden" angesehen werden, der Führungsstil der Leitung, das Erziehungsklima, die Kooperation mit dem Träger und das Selbstverständnis des Trägers, die kulturelle und soziale Einbettung bzw. Bereicherung der Arbeit in den Tageseinrichtungen und eine thematisch begründete Kooperation mit anderen Diensten.

Der Bildungs- und Erziehungsplan wird voraussichtlich nach einer Implementations- und Evaluationsphase in den Jahren 2003 und 2004 im Kindergartenjahr 2005/2006 für alle Formen der Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern unter sechs Jahren in Bayern eingeführt werden.


Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan - eine zeitgemäße Antwort auf die Bildung und Erziehung unserer Kinder

In einem solchen Konzept wird konsequent die Intention verfolgt, das Kind als Subjekt mit eigenen Rechten und Pflichten und als vollwertiges Mitglied der Familie und der Gesellschaft zur Geltung kommen zu lassen. Die Stärkung der kindlichen Entwicklung stellt ein entscheidendes Regulativ bei der Ordnung einer vertikalen Bildungsorganisation dar, d.h., die Grundschule hat bei ihrer Arbeit am jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes anzusetzen und diesen weiterzuführen. In diesem Sinne hat sich die Institution an die Kinder, an deren unterschiedliche Kompetenzen und möglicherweise auch unterschiedliche Entwicklungsverläufe anzupassen (und nicht umgekehrt). Ein so verstandenes Erziehungs- und Bildungskonzept impliziert ferner die Überwindung der Kluft zwischen formell organisierten Bildungsprozessen (z.B. in Bildungsinstitutionen) und den nicht formellen, d.h. den in Familien und sozialen Netzen organisierten Lernprozessen. Dies wiederum bedingt eine Neuordnung der beiden Lernbereiche Familie und Tageseinrichtung im bereits dargestellten Sinne. Und schließlich trägt ein solches Konzept der Forderung nach einer lebenslang begleitenden Bildungskonzeption Rechnung.




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