Das IFP
Geschichte des Instituts
30 Jahre Staatsinstitut für Frühpädagogik (und Familienforschung)
Das Institut für Frühpädagogik wurde am 01.01.1972 gegründet. Die rechtliche Grundlage lieferte Art. 6 des am 01.01. 1973 in Kraft getretenen Kindergartengesetzes. Das Gesetz verpflichtet den Bayerischen Staat, ein Institut für Frühpädagogik zu errichten und zu unterhalten.
Sowohl dem BayKiG als auch der Errichtung des Instituts gingen lebhafte und kontrovers geführte Debatten über den (bis dahin) bildungspolitisch vernachlässigten Elementarbereich voraus. Diese Diskussionen führten 1969 zur Konstituierung einer Kommission, die die Grundlage für die Gründung eines "Instituts für Kinderforschung", wie es ursprünglich hieß, liefern sollte. Der Kommission gehörten Vertreter aus Wissenschaft und Praxis an, u.a. Prof. Lückert, Prof. Hellbrügge, Prof. Müller, Prof. Oerter, Prof. Ziegelmayer, Dr. Pichottka, um einige zu nennen.
Nach fast zweijähriger Beratungsarbeit beauftragte schließlich das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus Prof. Dr. Kurt Müller von der Ludwig-Maximilians-Universität München, eine Denkschrift zur Aufgabenstellung eines solchen Instituts anzufertigen. Diese legte Prof. Müller 1971 vor, und der Unterzeichnende hatte, auf die Bitte des Kultusministeriums hin, zu dieser Denkschrift eine gutachtliche Stellungnahme abgegeben. Institutionell konnte man auf Vorbilder wie das Staatsinstitut für Bildungsforschung und -planung oder das Staatsinstitut für Schulpädagogik zurückgreifen.
Als erster Leiter wurde Prof. Dr. Kurt Müller berufen, in dessen Verantwortung auch die schwierige Aufbauarbeit des Instituts in den ersten drei Jahren lag. Die Aufgabenstellung des IFP war zwar gesetzlich umrissen, sie bedurfte jedoch der näheren fachlichen Präzisierung und vor allem der Etablierung einer leistungsfähigen Forschungsinfrastruktur, die bislang im universitären Bereich weitgehend fehlte. Zu den Aufgaben des neugegründeten Instituts gehörte es, anwendungsbezogene Forschung zu organisieren sowie den quantitativen und qualitativen Aufbau des Elementarbereichs wissenschaftlich zu begleiten und weiter zu entwickeln. Eine anspruchsvolle Aufgabe, für die weder Forschungstradition noch das notwendige Forschungsverständnis im frühpädagogischen Feld hinreichend vorhanden waren.
In den siebziger Jahren konzentrierte sich die Institutsarbeit auf den quantitativen und qualitativen Ausbau des Kindergartenwesens in Bayern. Mit einer Belegungsziffer von 46% zu Beginn der siebziger Jahre lag Bayern gewiß nicht an vorderster Stelle in der bundesrepublikanischen Landschaft. Es bedurfte deshalb großer Anstrengungen, um die erforderlichen Plätze bereitzustellen und den damals vorhandenen Bedarf an außerfamilialer Betreuung zu decken. Es waren aber vor allem die Beiträge im fachlichen Bereich, die die Arbeit des Instituts charakterisierten. Sowohl Fragen der pädagogischen Förderung der Kinder als auch organisatorische und strukturelle Fragen standen im Mittelpunkt der Institutsarbeit: Programme zur Musik-, Bewegungs- und zur ästhetischen Elementarerziehung wurden entwickelt, evaluiert und bundesweit verbreitet.
Von einer Arbeitsgruppe von Medizinern, Psychologen und Pädagogen wurde im Institut eine Reihe von Fragen bearbeitet, die die körperliche Entwicklung und die Gesundheitserziehung des Kindes betrafen. In enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Anthropologie und Humangenetik und der Medizinischen Kinderklinik der Universität München wurde eine umfangreiche Studie zur somatischen Entwicklung der bayerischen Kinder durchgeführt. Den besonderen Bedürfnissen von Landkindern und von Kindern aus dünn besiedelten Gebieten widmete sich eine weitere Forschungsarbeit des IFP, die in Kooperation mit dem Bund durchgeführt wurde.
Auf die Initiative des damaligen Vertreters des Institutsleiters, Herrn Dipl.-Psych. Franz-Xaver Förg, und seiner Mitarbeiter geht das heute noch weit verbreitete Eltern-Kind-Programm zurück, das die Stärkung elterlicher Kompetenz vor allem bei Eltern verfolgte, die für ihr Kind keinen Platz im Kindergarten erhalten konnten. Auch das "Präventive Elterntrainingsprogramm" von Dipl.-Psych. Gerd Müller war Bestandteil eines auf Elternkompetenz hin orientierten Angebots. Die Modellversuche des IFP zur Förderung ausländischer Kinder in Bayern auf der Grundlage einer bilingual-bikulturellen Konzeption haben die Entwicklung über die Grenzen Bayerns hinaus stimuliert.
Das IFP beteiligte sich an den in den siebziger Jahren durchgeführten Diskussionen über die institutionelle Zuordnung der fünfjährigen Kinder mit eigenen umfangreichen Modellversuchen und an der Auswertung aller verfügbaren Daten, um eine diesbezügliche politische Entscheidung vorzubereiten. Das IFP setzte sich für den Verbleib der Fünfjährigen im Kindergarten ein und wies die Forderung einer Einschulung fünfjähriger Kinder in sogenannte Eingangsstufen zurück.
Eine Gruppe von Institutsmitarbeitern bemühte sich unter der Leitung der (leider zu früh) verstorbenen Institutsmitarbeiterin Dipl.-Psych. Ute Hüffner um die Anliegen der verhaltensauffälligen und behinderten Kinder, eine Forschungstradition, die bis heute im IFP vertreten ist. Diese Arbeitsgruppe wies immer wieder auf die Notwendigkeit einer präventiven Frühpädagogik und auf die Chancen hin, die für die weitere Entwicklung des Kindes damit verbunden sind. Kritische Analysen der Selektion und der Rückstellung von Schulkindern haben zur Aufdeckung von Mechanismen geführt, die mit den Kindern und deren Bedürfnissen nur am Rande zu tun hatten.
Das Institut setzte sich früh für den Erwerb einer Zweitsprache ein und führte eine Untersuchung über den Erwerb der französischen Sprache bei Kindergartenkindern durch. Weitere Forschungsarbeiten befaßten sich mit der Entwicklung und Förderung von sozialem Verständnis und sozialer Handlungsfähigkeit von Kindern im vorschulischen Alter. Auch praxisbezogene Hilfen, wie sie in der Beratung und Begutachtung didaktischer Materialien und Spielmittel entwickelt werden konnten, haben die frühpädagogische Praxis angeregt und sie zu einer kritischen Betrachtung der auf dem Markt befindlichen Spielmittel ermuntert. Dem Institut war ein Praxiszentrum mit zwei Gruppen angeschlossen, das der Erprobung von Forschungsinstrumenten (wie z.B. Beobachtungsverfahren) diente. Darüber hinaus bot es eine ausgezeichnete Möglichkeit permanenter Reflektion der in Entwicklung befindlichen neuen Förderprogramme. Wissenschaftler und Praktiker hatten die Möglichkeit einer engen Kooperation mit etwa 40 Kindern im vorschulischen Alter.
Zu Beginn der achtziger Jahre hatte sich infolge gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen der Untersuchungsgegenstand des IFP gewandelt. Der sozialwissenschaftlich konstatierte Wandel familialer Strukturen und Beziehungen, die zunehmende Erwerbstätigkeit von Müttern vor allem mit Kindern unter sechs Jahren, die zunehmende Anzahl getrennt lebender oder geschiedener Familien, die zusätzlichen Probleme, die sich aus der Wiederheirat eines Elternteils für die Kinder ergeben, warfen die Frage auf, wie zeitgemäß die Erziehungskonzeption der siebziger Jahre noch sei. Vor allem die auf die Institution Kindergarten orientierte Frühpädagogik lief Gefahr, Veränderungen im Kontext zu übersehen, deren Kenntnis und Berücksichtigung von grundsätzlicher Bedeutung gewesen wären.
In einer Vielzahl von Beiträgen wies das IFP relativ früh auf die Bedeutung kontextueller Faktoren hin und forderte eine stärkere Berücksichtigung sich vollziehender Veränderungen in der Gesellschaft und in der Familie. Mit diesen Beiträgen hat das Institut eine Entwicklung eingeleitet, die eine stärkere Integration von frühpädagogischen, familienpsychologischen und soziologischen Erkenntnissen befürwortete. Die bislang vorwiegend auf Bildung ausgerichtete Konzeption sollte stärker und sensibler auf soziale Problemstellungen reagieren. Es galt zu diesem Zeitpunkt, eine vorwiegend institutionell fokussierende frühpädagogische Konzeption zugunsten einer integrativen, umfassenderen zu überwinden. Neben Bildung sollten die Aspekte Erziehung und Betreuung selbstverständliche Bestandteile einer Erziehungskonzeption für Kleinkinder werden. Rückblickend kann man darin einen der innovativsten Beiträge des IFP erkennen.
Damit traten in den achtziger Jahren neue Fragen auf, die dazu führten, daß das IFP ab 1986 um den Bereich Familienforschung erweitert wurde. Es war auch die Zeit, in der Konzeptionen etwa zur Integration behinderter und nichtbehinderter Kinder entwickelt und evaluiert werden. Mit der Erweiterung der Aufgabenstellung des IFP um die Familienforschung kamen auch neue Fragestellungen hinzu.
Stellvertretend sei auf die Studie zur "Lebensgestaltung von Frauen - eine Regionalanalyse zur Integration von Familien- und Erwerbstätigkeit im Lebenslauf" hingewiesen, auf die Beiträge für die Entwicklung der Kinder vor, während und nach einer Scheidung, generell die Beiträge zur Vaterforschung und zur Scheidungsforschung, zur Adoptionsforschung und nicht zuletzt auf die bayernweit durchgeführte Studie zur Situation der Erziehung von Kleinkindern. Die Zeitschrift für Familienforschung wurde durch den Institutsleiter ins Leben gerufen und durch den PD Dr. Kasten erfolgreich redaktionell betreut. Sie bot und bietet einen geeigneten Publikationsrahmen für neue vorwiegend empirische Arbeiten auf dem Gebiet der Familienforschung. Schließlich befaßte sich das IFP mit Modellversuchen, die die strukturelle und konzeptionelle wie inhaltliche Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung zum Gegenstand hatten.
Die Umressortierung des IFP im Jahre 1994 eröffnete die Möglichkeit, die engeren Grenzen der Beschäftigung mit dem Kindergarten und der außerunterrichtlichen Betreuung der Kinder in Horten zugunsten einer umfassenderen Konzeption zu sprengen und noch stärker als bislang Aspekte der Jugendhilfe zu berücksichtigen. Das bedingt eine Neudefinition der Aufgabenstellung des Instituts, eine Weiterentwicklung seiner Konzeption und eine Überprüfung des bisherigen Vorgehens. Thematisch hat das IFP eine Erweiterung erfahren, die gegenwärtig in neuen Projekten manifest wird. Die Beschäftigung mit der außerunterrichtlichen Betreuung von Schulkindern zählt dazu wie auch das Projekt "Weiterentwicklung des Beratungssystems für Kinder, Jugendliche und Familien im Rahmen der Jugendhilfe", das sich mit der Weiterentwicklung der Konzeption von Erziehungsberatungsstellen befaßt. Neue Projekte, wie die Rolle der Väter in der Familie, die Neukonzeptualisierung der Übergänge (von der Familie zum Kindergarten und vom Kindergarten zur Schule), Medienpädagogik oder Fragen des Wohlbefindens von Kindern signalisieren eine thematische Neuorientierung des IFP, die sein Profil in den kommenden Jahren prägen dürfte. Es ist hier nicht der Ort, auf alle durchgeführten bzw. laufenden Projekte hinzuweisen. Vielmehr gilt es den Weg anzudeuten, den das IFP thematisch in den letzten 25 Jahren gegangen ist.
Eines der Hauptanliegen des Instituts war es immer, sowohl gesamtgesellschaftliche als auch fachliche Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen und mit eigenen Beiträgen darauf zu reagieren. Für das IFP war es wichtig, sozial innovative Beiträge zu leisten, auf an sich längst fällige Aufgaben oder auch auf nicht mehr vertretbare Positionen hinzuweisen. Es liegt in der Natur einer solchen Vorgehensweise, daß sie nicht spannungsfrei bleibt. Zwischen Erkenntnisgewinn und politischer Akzeptanz lag ein Zeitintervall von oft mehreren Jahren. Vielleicht waren diese Jahre die interessantesten Phasen der Institutsarbeit für das IFP und, ich hoffe, auch für die Vertreter der Politik.
Das IFP war und bleibt ein Institut, in dem die angewandte Forschung dominiert. Seine Stellung als Vermittler zwischen Wissenschaft und Praxis, als forschende, beratende und begleitende Institution macht die Eigenart seiner Arbeit aus. Das zeigt zugleich ein anderes Spannungsgebiet: Das IFP muß seine Arbeit so gestalten, daß sie sowohl von der wissenschaftlichen Gemeinde als auch von der pädagogischen Praxis akzeptiert wird.
Schließlich stand und steht das Institut im Spannungsfeld zwischen Politik, Administration und der pädagogischen Praxis. Politikberatung im weiteren Sinne veranlaßt das IFP, konzeptionell über Modelle der Umsetzung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse in die konkrete Politikberatung nachzudenken und diese in verschiedenen Feldern der Politikberatung anzuwenden. In dieser Hinsicht hat das IFP einen durchaus beachtenswerten Beitrag geleistet. Die Anbindung an ein Ministerium war niemals spannungsfrei, aber in den meisten Fällen konnten Kooperationsformen gefunden werden, die die Freiheit von Forschung respektierten und dem Bedarf nach Politikberatung gerecht wurden. Es war und bleibt ein Prozeß, von dem bei fairen Spielregeln beide Seiten, Forschung und Administration, profitieren können.
Wie die Arbeit des IFP und seiner Mitarbeiter von der Fachwelt bewertet wird, haben andere zu beurteilen. Als Leiter eines Instituts, dessen Entwicklung er persönlich seit der Errichtung der Kommission im Jahre 1969 bis heute begleiten durfte, habe ich mich für die wissenschaftliche Unabhängigkeit des Instituts eingesetzt, weil ich darin - neben der Qualität seiner Arbeit - den besten Garanten für seine Glaubwürdigkeit gesehen habe und nach wie vor sehen.
Das IFP verdankt seine Gründung dem damaligen Ministerialdirektor Dr. Karl Böck und der politischen Unterstützung durch den damaligen Kultusminister Prof. Dr. Hans Maier. Beide waren von der Notwendigkeit der Einrichtung und der Arbeit des Instituts überzeugt und traten stets für dessen Anliegen ein. In den folgenden Jahren fand das IFP immer die Unterstützung der zuständigen Abteilungsleiter und Fachreferenten/innen des Kultusministeriums. Stellvertretend für alle möchte ich in diesem Zusammenhang Frau Hagenbusch danken, die das IFP bei seinen ersten Schritten hilfsbereit wie sachkundig begleitete.
Mit der Umressortierung des Instituts in den Zuständigkeitsbereich des StMAS hat das IFP mit Frau Staatsministerin Barbara Stamm, Herrn Ministerialdirektor Müller, Herrn Ministerialdirigenten Dr. Kippes und der zuständigen Fachreferentin Frau Becker-Textor aufgeschlossene und an der Arbeit des IFP interessierte Partner gefunden. Es ist Frau Staatsministerin Barbara Stamm und ihren Mitarbeiter/innen vor allem dafür zu danken, daß sie nach der Umressortierung dem IFP eine gute Möglichkeit gegeben haben, seine Arbeit fortsetzen zu können.
Das IFP blickt auf eine lange, enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Vertretern der Praxis zurück. Den Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege, den kommunalen Vertretern, den Vertretern der Berufsverbände, die mit uns zusammengearbeitet haben, möchte ich an dieser Stelle den Dank des Instituts aussprechen und zugleich den Wunsch auf weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit äußern. Den Kindern und ihren Eltern, allen, die uns bei der Bewältigung unserer Aufgabe geholfen haben, danke ich sehr herzlich. Der Dank des Instituts gilt auch den Kollegen an den Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen, die seine Arbeit in den zurückliegenden Jahren aufgeschlossen begleitet haben. Schließlich gilt mein Dank allen Mitarbeitern des IFP, deren Arbeit das Profil des IFP geprägt hat.


